Bronze-Glück und Verletzungs-Pech

Am zweiten Finaltag der OL-WM in der Romandie gab es erneut eine Medaille für die Schweiz. In der Mitteldistanz kam Fabian Hertner auf den 3. Platz – hinter dem neuen Weltmeister Edgars Bertuks (LAT) und Valentin Nowikow (RUS)Der Weg zum letzten Posten führte quer über die Wiese von einer kleinen Baumgruppe den Hang hinüber an den Waldrand zu einem Stein. Von dort ging es forsch über das Gras hinunter, unter der Eisenbahn durch, durch den PostFinance-Bogen an den zahlreichen Zuschauern vorbei ins Ziel. Es waren diese letzten Meter, wo sich Fabian Hertner seine Bronzemedaille sicherte. Noch beim drittletzten Posten war er im (Fern-)Duell mit Thierry Gueorgiou, dem siebenfach gekrönten König der Mitteldistanz, noch knapp im Hintertreffen, doch beim zweitletzten Posten schon lag er eine Nasenlänge vor dem Franzosen. Am Ende betrug die Differenz zwischen Hertner und Gueorgiou, der zwei Minuten nach dem Baselbieter ins Rennen gegangen war, fünf Sekunden. Auf den Letten Edgars Bertuks verlor Hertner nur 25 Sekunden.

«Es war sehr laut im Ziel. Es hat auf jeden Fall so getönt, als wäre es eine enge Sache», berichtete Hertner, der nach seinem Zieleinlauf auf der Grossleinwand den Zielsprint von Gueorgiou verfolgen konnte. Der Franzose kam eben erst von einem Ermüdungsbruch zurück und hatte sich erst kurz vor der WM überhaupt für einen Start entschieden. «Ich konnte das Tempo nicht gehen. Die Herausforderung war zu hoch», liess er via Twitter ausrichten, nicht ohne den drei Erstklassierten zu gratulieren.

«Ich hatte unterwegs keine Ahnung, wie es steht, da es ja auch keinen Zuschauerposten hatte», erzählte Hertner, der seine dritte WM-Medaille nach jeweils Silber im Sprint 2009 und 2010 gewann. «Die Mitteldistanz ist schon sehr speziell. Ich hatte zuletzt immer etwas Mühe, obwohl ich sie eigentlich sehr gerne laufe», so Hertner. «Ich wusste aber, dass ich vorne dabei sein würde, wenn mir ein sauberes Rennen gelingt», sagte er weiter. Deshalb sei er bewusst auch sehr kontrolliert gelaufen. Einen vorsichtigen Einstieg ins Rennen wählte auch Marc Lauenstein. «Ich hatte zwei, drei kleinere Fehler unterwegs», berichtete der Neuenburger, der sein letztes WM-Einzelrennen bestritt. Wie so oft steigerte er sich im Verlauf des Rennens. Bei der ersten Zwischenzeit noch als 19. gestoppt, klassierte er sich am Ende als Neunter noch in den Top 10.

Rollier musste ins Spital

Grosses Pech hatte dagegen Baptiste Rollier. Der Neunburger tat rund 50 Meter nach dem ersten Posten einen Misstritt. «Ich bin nicht gestürzt, es hat mir einfach den Fuss verdreht», so der Unglücksrabe. Er zog sich einen Bänderriss an der Aussenseite des linken Sprunggelenks zu.

Das Rennen der Mitteldistanz, das vermeintlich auf die Fähigkeiten der Skandinavier zugeschnitten war, endete an der Spitze mit einer Überraschung und einer Premiere. Der Lette Edgars Bertuks setzte sich fünf Sekunden vor dem Russen Valentin Nowikow durch. Während es für den Russen bereits seine vierte Medaille in einem WM-Rennen über die Mitteldistanz war, sicherte Bertuks Lettland die erste WM-Medaille überhaupt. Der 27-Jährige hatte bisher einen 9. Rang als bestes Einzelresultat an einer WM, überzeugte aber schon in den Qualifikationsläufen am Sonntag und am Montag. Fünf Sekunden trennten Gold und Silber.

Der grosse Fehler von Niggli

Bis zum Posten 7 schien Simone Niggli auf Kurs zu einer neuerlichen WM-Medaille. Sie lag bei dieser Zwischenzeit knapp hinter der Finnin Minna Kauppi, die das Rennen überlegen gewann. Doch dann passierte ihr der verhängnisvolle «Anfängerfehler», wie sie es selber nannte. Sie verrutschte auf der Karte und las von Posten 16 zu Posten 15. «Ich merkte den Irrtum erst kurz vor dem Posten 15. Das war eine ziemliche Schrecksekunde», schilderte die 18-fache Weltmeisterin hernach. Der laute Schrei verhallte im Wald ungehört für den Rest der Welt, dieser sah nur, wie Niggli nach der Ziellinie die Karte verärgert auf den Boden schmiss und einen Moment für sich brauchte. «Ich habe kurz an die Aufgabe gedacht. Aber es ist ein WM-Rennen, das gibt man nicht einfach auf. Dass ich weiterkämpfte und noch ein Diplom gewinne, macht mich auch stolz», sagte sie. Zweieinhalb Minuten verlor sie auf dem Irrweg zwischen Posten 7 und 8, 2:12 Minuten war der Rückstand – trotz einem weiteren Fehler bei Posten 13 – schliesslich im Ziel auf Kauppi, die ihren neunten WM-Titel holte. «Aber das zeigt auch, dass es eben nicht immer so einfach ist. Man steht eben doch unter Druck und ich war heute vielleicht etwas zu nahe an der Grenze», meinte sie. «Aber ich habe bis zum Schluss mein Kämpferherz gezeigt.»

Mit ihrem beherzten Schluss drängte Niggli ihre Teamkollegin Sara Lüscher noch aus den Diplom-Rängen. Die Zürcher Oberländerin verlor zum zweiten Posten rund eine Minute. «Ich habe den falschen Hügel anvisiert, weil ich nicht genau den Kompass gelesen habe», ärgerte sie sich im Ziel ein bisschen. «Es ist schade, weil ich mit einem guten Lauf einen Diplomplatz hätte erreichen können. Das Gelände hatte ich danach ziemlich gut im Griff», so Lüscher. «Aber ich bin zufrieden, dass ich diesen Fehler gleich zu Beginn gut wegstecken konnte und danach ein gutes Rennen gelaufen bin. Es war kein perfekter Lauf, aber ein guter Lauf», resümierte sie. Die Top 10 waren ihr Ziel gewesen, letztlich verlor sie auf Annika Billstam, die unmittelbar vor ihr als letzte ein Diplom gewann, 46 Sekunden. «Das ist eine normal gute Leistung.»

Ein ärgerlicher Fehler passierte auch Judith Wyder, die bis Posten 12 zumindest auf Diplom-Kurs war. «Guter Start, schlechter Abschluss», meinte sie. In Tat und Wahrheit hatte die 24-jährige Bernerin gar ein anderes Wort mit «sch» gebraucht. Schon zum zwölften Posten habe sie das falsche Wäldchen angesteuert, allerdings hielt sich der Zeitverlust mit 30 Sekunden noch in Grenzen. Danach folgte eine längere Route zum Posten 13. Dabei verdrehte es die letztjährige Bronzemedaillen-Gewinnerin auf dieser Distanz leicht nach links. «Ich habe den Posten 14 gestempelt und bin dann weiter Richtung Posten 15. Erst auf dem Weg realisierte ich, dass ich den Posten 13 gar nicht angelaufen hatte und drehte um», schilderte Wyder das verhängnisvolle Malheur, das sie über fünf Minuten kostete. «Aufgeben kam aber nicht in Fragen, denn das ist ja ein WM-Final», sagte sie auch. Am Ende lag sie rund fünfeinhalb Minuten hinter der Bronzemedaillengewinnerin Tatiana Riabkina (RUS) auf dem 20. Rang.